Wir leben in einem Land und einer Gesellschaft, die uns mit Freiheit und Wohlstand erlaubt unsere Möglichkeiten zu nutzen. Gott sei Dank! Wir haben die Wahl unsere Freizeit (sic!) zu gestalten, wie auch immer unser Sinn es erlaubt. Wir haben Zugriff auf den gesamten Warenstrom der globalisierten Welt und erlauben uns Abenteuer und Luxus, der in keinem Verhältnis steht zu unserer Arbeit. Hat das Konsequenzen oder stellt uns jemand in  die Verantwortung dadurch?

Was ist ihre Rolle dabei? Stellen Sie sich einfach vor, wie Sie dereinst die Frage beantworten wollen, wer Sie gewesen sind und welchen Beitrag Sie entweder zur Zerstörung oder zur Sicherung von Zukunft geleistet haben. – Harald Welzer

Harald Welzer, Professor für Sozialpsychologie, und ein Gründungsmitglied der gemeinnützigen Stiftung FUTURZWEI. Diese fordert auf seine Geschichte aus dem Futur II zu sehen (Ich werde … gemacht haben.) Damit soll das eigene Handel nicht nur seine Gegenwartsbezogenheit verlieren, sondern auch anregen Zukunft zu denken. Sich in (Zeit-)Räume zu begeben, aus denen wir bisher nur Ressourcen entleihen, um sie dem expansiven Lebensstil der westlichen Kulturen zu zuführen. Wir leihen also aus der Zukunft.

Das Buch „Selbst denken“ kritisiert den Kapitalismus in seiner Gegenwartsbezogenheit in dem es die gängigen Strategien der Konzerne und der Politik beleuchtet und untersucht. Man merkt beim Lesen der ersten Kapitel schnell, dass Herr Welzer dem links-intellektuellen Spektrum zuzuordnen ist, aber mit seiner Argumentation an vielen Punkten auf schmerzhafte Stellen trifft, obwohl einige Ansichten sicher als zu pauschalisiert dargestellt werden.

Dieses Buch greift den Leser direkt an und dadurch hatte ich bei einigen Aussagen das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen. Vor wem? Vor meinen ideologischen Vorstellungen. Und dabei entdeckte ich, dass es mir recht einfach fällt andere (und auch die Gesellschaft im Großen und Ganzen) zu kritisieren und mir gegenüber mit flexiblen Darstellungen meine Handlungen zu nivellieren. Da hat es mich schon in manchen Passagen erwischt.

Viele seiner Thesen sind radikal, so radikal, dass man seine eigene Narrativität schon stark neu auslegen müsste, um dieser Radikalität nachzukommen; Geschweige denn die eigene Komfortzone zu verlassen. Und dann fängt man lieber an sich vor sich selber zu rechtfertigen oder seine ideologischen Ziele nicht mehr erst zu nehmen und als Utopie darzustellen. Dabei bezeichnet der Autor Utopien gerade als eine Möglichkeit diese Situation der allseits verordneten „Alternativlosigkeit“ zu haben und diese in dem gewonnenen Freiräumen zu nutzen und Alternativen zu denken. Auch wenn sie scheitern, es sind Lernprozesse, die uns helfen werden Zukunftsfähigkeit zu bewahren in einer Welt, die sich unter unseren Lebensstil verändert.

Die dunklen Szenarien, die Harald Welzer immer wieder zeichnet, stellt er zum Ende des Buches (und zwischen durch) positive Beispiele gelebter Möglichkeiten vor. Er ist von Menschen begeistert, die trotz der in den Köpfen festgefahrenen, eingeschränkten Alternativen, wagen Zukunft zu denken. Seien es die Stadtwerke Schönau, die sich von den Energieriesen lossagen, um gemeinschaftlich nachhaltigen Strom zu erzeugen oder die Schweizer Bahn, die mit Angeboten auf die Kunden zugeht, die nicht den höchsten Gewinn für das Unternehmen bedeuten, sondern der Aufgabe als Staatsbahn gerecht werden. Und wenn du schon nach diesen beiden Beispielen dir denkst, dass das doch der gesunde Menschenverstand gebietet, dann liegt dir Zukunftdenken bzw. Selbstdenken gar nicht so fern. Probier es doch mal aus in anderen Bereichen und werde selber tätig.

Sein Wunsch an die Wirtschaft ist die Transformation in eine Gemeinwohlökonomie, die nicht mehr das Quartalsergebnis als Ziel sieht, sondern die positive Bilanz ihres Wirkens auf die Gesellschaft und Zukunft. Dabei sieht er also nächstes Großes Ziel die Reduktion des Konsums bei der jeder Einzelne gefragt ist oder sich beim nächsten Shopping fragen sollte: Brauche ich das?

Eine reduktive Kultur würde in fast jeder Hinsicht andere Parameter für Orientierung, Entscheidungen und Handlungen setzen als die expansive: Statt „Wachstum“ wäre für sie „Kultivierung“ handlungsleitend, statt „Effizienz“ „Achtsamkeit“. Gegen „Schnelligkeit“ stünde „Genauigkeit“, gegen „ALLES IMMER“ „Saison“ und gegen „Konsum“: Glück. – Harald Welzer

Für alle die etwas mehr wissen wollen, gibt es eine interessante Unterhaltung zwischen Harald Welzer und dem Philisoph David Richard Precht: Politik ohne Plan – Wer denkt an die Zukunft?